Weihnachtsbrief 2019

Weihnachtsbrief 2019, oder wenn ich 17 wäre…

Als ich 14 war begann ich zu begreifen, dass die Welt nicht so heile ist, wie es sich in meiner Familie, bei meinen Eltern und Geschwistern, angefühlt hatte. Das war 1971. Damals erlebte Deutschland und die Welt eine rebellische Jugend. Die 1968-Bewegung hatte uns den Weg frei gemacht. Wir glaubten nicht mehr an die Dinge, die unsere Eltern für richtig hielten. Wir glaubten an gar nichts mehr und suchten neue Werte, neue Ziele, eine neue Orientierung. Wir waren das Schweigen unserer Eltern satt und das Wirtschaftswunder, das sich wie ein weicher Teppich über die Wunden und Toten des zweiten Weltkrieges legen sollte. Wir wollten wissen was geschehen war und warum unsere Eltern es mitgemacht hatten. Wir wollten es verstehen und nicht so leben, als wäre nichts geschehen. Ich trieb mich mit 17 in Berlin herum. Dort vermutete ich die Welt. Dort gab es eine Mauer und die Spuren der Vergangenheit waren sichtbar. Ich war nicht sicher, dass es hinter der Mauer schlechter war als im Westen. Aber ich vermutete auch nicht wirklich, dass es dort besser war, dafür flößten mir die unifomierten DDR-Grenzkontrolleure bei der Zugfahrt durch Ostdeutschland nach Berlin und den seltenen Besuchen in Ostberlin zu viel Furcht ein. Die Freunde, bei denen ich in Berlin wohnte, waren junge Männer aus Marl, die in Berlin wohnten, damit sie nicht zur Bundeswehr eingezogen wurden. So war das damals. Wenn man in Berlin wohnte, brauchte man nicht zum Bund. Außerdem gab es in Berlin viele schöne alte Häuser, die vollkommen leer standen. Sie standen leer, weil Bauspekulanten sie gekauft hatten und ihrem Schicksal überließen, damit sie irgendwann abgerissen werden konnten. Wir fanden das ungerecht und besetzten diese Häuser. Wir nahmen unsere wenigen Sachen und zogen in eines dieser wunderschönen Häuser ein. Wir flickten die Löcher in den Dächern, setzten neue Fensterscheiben in die alten Holzrahmen, reparierten mit einfachen Mitteln Wasserleitungen und verstopfte Clos, zogen neue Stromleitungen und säuberten Kamine. Am Ende malten wir die Wände und Decken bunt an, bedeckten die Holzböden mit Bastteppichen und Schafsfellen, benutzten alte, mit Stroh gefüllte Matratzen als Betten, holten uns Möbel vom Sperrmüll, die in der Wohlstandsgesellschaft einfach weggeworfen wurden. Es wurde wohnlich und gemütlich in unserem besetzen Haus. Die Leute in diesem Haus waren alle besonders auf sehr unterschiedliche Art. Es gab sogar ein paar ältere Menschen die uns unterstützten. Es gab geschickte Handwerker und Akademiker, alleinerziehende Mütter und Aussteiger. Wir gehörten zusammen, wir machten aus dem was andere nicht mehr wollten etwas Neues und wir machten ansonsten einfach nicht mit. Wir waren nicht materiell eingestellt, wir wollten nur frei leben. In den besetzten Häusern konnten wir nach anderen Regeln leben. Es war für mich eine gute Erfahrung. Mit 17 zog ich in dieses Haus doch schon mit 19 war ich das Leben in Berlin leid. Nicht das Haus und seine Bewohner, sondern Berlin. Es gab zu viele Drogen und Hundescheiße auf den Straßen, es gab zu viele junge Mädchen, die sich am Bahnhof Zoo herumtrieben und die ich kannte. Es gab auch nicht den Job, der mich erfüllte. Für die Stadt war ich einfach nicht geeignet, leider auch nicht fürs katholische Dorf. Die Räumung der Häuser mußte ich nicht mehr am eigenen Leibe erleben. Es war ein langer Kampf, der leider nicht immer friedlich war. Doch viele der Häuser wurden tatsächlich gerettet, auch mein altes Haus. Allerdings entstand in den wenigsten dieser Häuser bezahlbarer Wohnraum. Die Häuser wurden zu Luxuswohnungen ausgebaut und kaum ein Hausbesetzer konnte oder wollte diesen Luxus bezahlen. Ich bekam sehr früh zwei Söhne und zog in eine Land-WG. Damals gab es noch alte Kotten mit kaputten Dächern und ohne Heizung. Die Inhaber, meistens waren es Bauern, konnte damals solche heruntergekommenen Kotten nicht so leicht an „normale Leute“ verpachten und ließen sich daher widerwillig auf uns Hippies ein. Wir brauchten diese Höfe nicht zu besetzen sondern konnten sie ganz legal für wenig Geld pachten. So führten wir unser wildes und orientierungsloses Leben, nun auf dem Land, wo es keinen Smogalarm und Drogentote gab, weiter. Es fehlen nur noch ein paar Tage, dann bin ich 63 Jahre alt. Ich habe nie aufgehört im Herzen ein Hippie zu sein. Das mit dem Kiffen habe ich irgendwann sein gelassen. Andere Drogen haben mich nie interessiert, auch nicht der Alkohol. Ich bin auch nicht mit meinen beiden Jungs alleine geblieben und habe sogar noch geheiratet. Nicht einen der Väter meiner Jungs, sondern einen Holländer, mit dem ich noch einen weiteren Sohn bekam. Wir wohnen nicht mehr in einer Land-WG sondern haben, wer hätte es gedacht, ein altes Bergwerkshaus gekauft und sind seit über 30 Jahren, oh Wunder, glücklich verheiratet. Ich bereue nichts. Nicht meine Zeit in einem besetzten Haus in Berlin, nicht meine Zeit in der Land-WG. Ich bereue meine radikalen Gesinnungen nicht und auch nicht meinen zivilen Ungehorsam. Er hat mich weit gebracht und schließlich ganz friedlich gemacht. Ich habe nämlich nie einfach geglaubt sondern alles erst einmal auf seinen Wahrheitsgehalt überprüft. Wohlstand war nie das Ziel, dass ich mir gesetzt habe. Ich wünschte mir Zufriedenheit und Dankbarkeit für den Wohlstand, den ich doch längst hatte, auch als ich noch auf Strohmatratzen vom Sperrmüll schlief. Warum schreibe ich das alles auf? Da gibt es ein Kohlekraftwerk vor meiner Türe. Dieses Kraftwerk sollte unbedingt ans Netz. Ein so modernes Kraftwerk, umweltschonend, neueste Technologie, kann man ruhig einschalten, besser als Kernenergie. Die Kohle haben wir zwar nicht mehr hier im Pott, die kommt dann von was weiß ich denn woher. Zum Beispiel aus Russland, aus irgendeinem Dreckstagebau. Der Schnee ist dort im Winter schwarz wie früher die Bergwerkshäuser in Datteln und das Wasser in den Bächen ebenfalls. Das Loch des Tagebaus ist so groß wie der Ruhrpott und die Menschen die noch in der Nähe wohnen haben auch die gleichen Krankheiten wie unsere Bergleute hatten. Zum Beispiel Staublunge. Dort haben es aber auch die Kinder. Mit 17 zog ich in ein besetztes Haus, weil ich nicht einsah, dass alles was alt war einfach, allein aus der Gier nach Geld, abgerissen wurde. Mit 20 zog ich aufs Land, weil ich keine Smogluft atmen wollte sondern Natur um mich herum. Was würde ich tun, wenn ich heute 17 wäre? Gegenüber vom Kohlekraftwerk Datteln 4, da gibt es einen leerstehenden Bauernhof. Böse Zungen behaupten, dass RWE oder EON oder wer weiß denn genau welcher Konzern gerade welche Fäden zieht, dem Bauern einen unanständigen Preis für seinen Hof und sein Land geboten hat. Die Summe war so unanständig, dass dieser Bauer nicht nein sagen konnte und das Angebot angenommen hat. Er hätte nämlich, wegen der unanständigen Nähe des Kraftwerkes, gegen den Konzern klagen können und sogar gewinnen. Jetzt steht der Hof leer, nur nachlässig eingezäunt, damit dort auch sicher eingedrungen werden kann und damit auch Fenster und Türen zerschlagen werden und damit auch alles rausgeholt wird, was noch irgendwie wertvoll erscheint. Und wenn ich 17 Jahre alt wäre und die Kraft von damals hätte, ich würde dieses Haus besetzen. Ich würde alle meine Freunde überzeugen, würde irgendwo eine Ecke finden, die noch zu reparieren ist, würde einen Kamin finden, der geeignet ist einen Ofen anzuschließen, würde ein paar Matratzen neben den Ofen legen, die Fenster reparieren, die Wände bunt anmalen und einziehen. Ich würde dann den Bauernhof als besetzt erklären und mich gegen das Kraftwerk und für diesen Hof, als Sinnbild für den Naturschutz, einsetzen. Ich würde einen Biogarten anlegen und Hühner halten, auch dann wenn täglich eine Räumung droht, ich würde aus dem Hof ein alternatives Kulturzentrum machen und Menschen um mich versammeln, die Naturschutz und Klimaschutz ernst nehmen. Ich hätte keine Bedenken, auch wenn mein Handeln illegal wäre. Wie sollte ich auch, da steht ein wunderschöner Bauernhof, mit Ställen und Lagerräumen, mit Wohnbereichen und gepflasterter Einfahrt, einfach leer und soll verrotten, während es anderswo kaum bezahlbaren Wohnraum und auch keinen Platz mehr für artgerechte Tierhaltung und anderen sinnvollen Projekten gibt. Er wurde gekauft um die Illegalität des Kohlekraftwerkes zu verschleiern. Er wurde gekauft, damit er verfällt und vergessen wird. Wäre ich 17, ich würde dort einfach einziehen und alle meine Freunde überzeugen mitzukommen. Ich würde immer Gäste haben die ebenfalls erkannt haben, dass es kurz vor zwölf ist und eigentlich schon zu spät für die Rettung der Erde, auf der Menschen und Tiere weiter leben können. Und ich frage mich, warum dort noch niemand eingezogen ist? Es gibt doch wieder junge Leute, 17-jährige, die sich gegen eine ignorante Generation auflehnen, gegen eine Generation die den Wohlstand, das Auto, billigen Strom, die Bequemlichkeit und den eigenen Vorteil immer wichtiger gefunden haben als das Wohlergehen unseres Planeten und anderer Lebewesen. Leider bin ich fast 63 und mir tun meine Knochen weh, wenn ich am Morgen aus dem Bett steige. Ich benötige meine ganze Kraft um mein kleines NaBeBa am Leben zu erhalten, damit ich Kindern und Jugendlichen unsere Natur zeigen kann, wie ich sie sehe, in der Hoffnung, dass eines dieser Kinder, wenn es einmal 17 ist, den Mut haben wird für unsere Zukunft zu kämpfen und vielleicht einen Bauernhof besetzt um ein Zeichen gegen Konzerne zu setzen, die zu unfaßbar unmoralischen Mitteln greifen um ihre fragwürdigen Ziele durchzusetzen. Leider bin ich nicht mehr 17, ich kann meine Arme nicht mehr heben um eine Decke zu streichen. Ich kann auch nicht mehr auf Matratzen schlafen und nächtelang durcharbeiten. Aber ich kann noch träumen. Ich träume davon wie es wäre diesen Bauernhof zu besetzen und frage mich, was dann wohl passieren würde, wenn wir alle unsere jungen Freunde, unsere Freude am Leben, unseren Willen etwas sinnvolles zu tun, unsere Tiere und unsere Erfahrung in die Hand nehmen würden und einfach diesen Hof, direkt gegenüber des Kraftwerkes, besetzen würden, um daraus ein naturnahes Kulturzentrum, wie man es noch nie gesehen hat, zu machen. Ein Kulturzentrum für alle Menschen, die nicht mehr mit dem Wahnsinn der derzeitigen Klimapolitik einverstanden sind.

Würde man auch heute junge Leute verklagen, beschimpfen und verjagen, wie damals in Berlin.

Oder gäbe es vielleicht sogar Verständnis und Unterstützung für dieses Projekt.

Ich habe nicht mehr die Kraft und den Mut sowas herauszufinden, aber mit 17 hätte ich es versucht.

Ich gebe zu, ein ungewöhnlicher Weihnachtsbrief, in einer ungewöhnlich aufreibenden Zeit.

Wir haben nicht mehr viel Zeit, der Zug ist bereits für viele Länder der Erde abgefahren. Uns trifft es zuletzt, aber es wird alle erwischen, wenn wir nicht endlich handeln und uns mutig wehren wird es bald keine Menschen mehr geben die sich an den Wohlstand und auch nicht an unserer schönen Natur erfreuen können.

NaBeBa gibt es nun seit 13 Jahren. Es war immer eine sehr intensive Zeit und auch wir müssen kämpfen um am Leben zu bleiben. Es war nie anders und ich rechne damit, dass es auch in Zukunft so sein wird. Aber die Stimmung hat sich gedreht. Es wird immer besser verstanden, was wir mit dem NaBeBa-Projekt eigentlich bewirken wollen. Wir wollen Bewußtsein schaffen für die Nöte der Welt und vorleben, dass die Natur geschützt werden muß, dass Kinder in diese Richtung erzogen werden müssen und das wir alle füreinander da sein sollten. Eine Erziehung zur Naturliebe kann nur über die Erfahrung stattfinden. Man muß den Wind um die eigene Nase spüren um ihn zu lieben, man muß die Gerüche des Waldes kennen, damit sie einen gut tun können. Erde, Wasser, Feuer und Luft muß für unsere Kinder mit allen Sinnen erfahrbar bleiben, jeden Tag, bei jedem Wetter. Erst dadurch werden sie den Wert der Natur begreifen und das innere Bedürfnis haben alles dafür zu tun, dass unsere Welt erhalten bleibt.

Ich wünsche Euch von Herzen eine friedliche Weihnacht und einen nicht all zu betrunkenen Rutsch ins neue Jahr. Bleibt Kinder in Euren Herzen und hört nicht auf zu lieben.

Mögen alle Wesen glücklich sein,

Eure Doro

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